Ein subjektiver Erlebnisbericht von der Front – zwischen Coaching-Zone und Nutella-Pfannkuchen
Eine Sporthalle in der Kleinstadt. 15 Tische. Wettkampfatmosphäre. Sportler, Zuschauer, Trainer,
Helfer. Turbulentes Treiben. Laut und geschäftig. Irgendwie strukturiert. Aber auch chaotisch.
Überschwängliche Freude hier, Tränen dort. Schweiß, Hoffnung, Ernüchterung. Alles dabei. Wo
man auch hinschaut, passiert dramatisches. Energiegeladen. Eine Welt für sich. Tischtennis in
Reinform. Und wir aus Berlin mittendrin.
Willkommen in Quickborn. Keine englische Stadt für Schnellgeborene. Sondern nah bei Hamburg.
Nordisch kühl und dennoch herzlich. Rund 320 Kilometer von Berlin. Der Tischtennis-Verband
Schleswig-Holstein hat uns eingeladen. Zum Norddeutschen Länderpokal vom 28. Februar bis 01.
März für Mädchen und Jungen im Alter von 11 bis 13. Die Durchführung des Turniers übernimmt
zum 27. Mal die Tischtennis-Abteilung des TuS Holstein Quickborn. Eine Traditionsveranstaltung.
Die Berliner Mischung
Wir sind eine „illustre Reisegruppe“. Der alte Hase Atilla (60, SC Siemensstadt) und die junge
Patricia (22, TSV Marienfelde) begleiten 7 Kinder. In der Reihenfolge der Aufstellung:
- Ilja Dengel (U13)
- Deniz Ciftci (U13)
- Yannick Weisner (U11)
- Philipp Kuczynski (U11)
- Sofiia Polishchuk (U13)
- Sarah Sophia Reichardt (U13)
- Anna Wang (U11)
Die Eltern liefern die Auserkorenen zeitig am Freitag Vormittag beim Treffpunkt an der
Geschäftsstelle des BeTTV ab. Wir fahren pünktlich um 11:00 Uhr los. Mit im Gepäck: Ein Haufen
Fragen. Wie schlagen wir uns? Landen wir am Tabellenende oder mischen wir oben mit? Haben wir
genug trainiert? Können wir unsere Leistungen abrufen? Antworten gibt es nur im Wettkampf.
Mit einer kleinen Pause auf einer Raststätte kommen wir gemütlich in unserer Unterkunft an. Die
Zimmer werden verteilt. Die Jungs und Mädels sind zufrieden. Nach einem gemeinsamen
Pizzaessen beim Italiener gönnen wir uns im Zimmer sogar selbstgemachte Pfannkuchen mit
Nutella. Die Mädels hatten die brillante Idee und haben die Zubereitung in der eigenen
Zimmerküche übernommen.
Am Samstag morgen, gleich nach der herzlichen Begrüßungsrede der Veranstalter, geht es gegen
Hamburger TTV II. Der Spielmodus: Unsere Sieben spielen jeweils ein Einzel gegen die anderen
sieben Kinder. Strikt nach Reihenfolge. Eins gegen Eins, Zwei gegen Zwei usw. Nach sieben Einzeln
werden drei Doppel gespielt. Macht insgesamt zehn Spiele pro Begegnung. Alle Spiele werden
ausgespielt. Welches Team 6 Spiele oder mehr gewinnt, hat gewonnen. Es kann aber auch 5:5
ausgehen.
Kaltstart und Kampfgeist
Die harte Wettkampf-Realität zeigt sich schon in den ersten Einzeln. Unsere U13er Jungs Ilja und
Deniz kassieren ihre ersten Niederlagen. Gleich mit 0:2 Spielen starten ist bitter. Da kommen sie.
Die Enttäuschungen und die ersten Tränen. Aber wir haben keine Zeit zum Jammern. Die nächsten
Einzel werden angesetzt. Und hier zeigt sich was ganz anderes: DA GEHT WAS! Unser U11 Jungs
voller Kampfgeist. Und unsere Mädels erst. Hammer. Die gewinnen alles. Am Ende heißt es 7:3 für
uns. Der erste Sieg mit der Mannschaft im ersten Spiel. Wow.
Im zweiten Spiel geht es gegen den TT-Verband Schleswig-Holstein. Mit dem Schwung aus dem
ersten Mannschaftsspiel wollen wir besser starten. Aber auch hier müssen unsere U13 Jungs ihren
Gegnern zu ihren Siegen gratulieren. Beide Gegner wirklich gut. Unsere Jungs hingegen sind noch
nicht wirklich da. Ilja hadert mit seinen Aufschlägen und seinem Spielrhythmus. Deniz ist noch
weiter weg von seinen Möglichkeiten. Dafür machen Yannick und Philipp wieder alles wett. 2:2
Ausgleich. Die Mädels sind dran und machen es extrem spannend. 2 Spiele gehen ganz knapp im
Fünften mit nur 2 Punkten Differenz weg. Am Ende steht es 4:6 gegen uns. Was ein Fight. Es hätte
auch anders ausgehen können. Zu dem Zeitpunkt wussten wir nicht, welchen beherzten Kampf wir
gegen den späteren Turniersieger geliefert haben. Aber, wie heißt es so schön: Hätte, hätte,
Fahrradkette!
Im dritten Spiel sind wir dann da. Es rappelt ein Sieg nach dem Anderen. Auch unsere U13 Jungs
sind gelöst. Am Ende ein lupenreines 10:0 gegen den TT-Verband Schleswig-Holstein Bezirk 2.
Damit haben wir die Vorrunden-Gruppe als Zweiter abgeschlossen. Wir kommen in die Gruppe der
Erst- und Zweitplatzierten und spielen nun um die Plätze 1 bis 6. Nochmals Wow. Das fühlt sich
doch schon ganz gut an
Die Endrunde
Das erste Spiel in der Endrunde wird auch am Samstag gespielt. Es ist aber praktisch unser Zweites.
Denn unsere knappe 4:6-Niederlage aus der Vorrunde wird einfach in die Endrunde übertragen.
Also starten wir schon mit der Niederlage im Rücken. Es geht gegen den TT-Verband SachsenAnhalt. Wir können zwar gut mithalten und die Sätze sind recht ausgeglichen. Aber die Gegner sind
in den entscheidenden Momenten einfach einen Tick besser. Wir müssen uns 3:7 geschlagen
geben.
Mit einem Bärenhunger – wir haben von 9:00 Uhr bis 18:30 Uhr nur mit Frühstück und Snacks
durchgehalten – geht es zum lokalen Asiaten. Gut gesättigt gehen wir noch schnell in den
Supermarkt. Die Jungs haben das Team zum selbstgemachten Fruchtjoghurt im Hotel eingeladen.
Auch sie haben eine Zimmerküche. Es wird geschnippelt, gerührt und mit Honig verfeinert. Lecker
und gesund. 21 Uhr ist Schicht im Schacht. Nachtruhe. Morgen früh geht es schon um 6:30 Uhr los.
Sonntag, zweiter Wettkampftag
8:00 Uhr Einspielen, 9:00 Uhr Wettkampfbeginn. Erstaunlich, wie fit unsere Kids sind. Trotz des
harten Samstags. Wir haben noch drei Teams, gegen die wir antreten. Los gehts mit Thüringen. In
der Auswahl der Thüringer ein bekanntes Gesicht aus Berlin. Anastasia Komarova. Ungeschlagen
im bisherigen Turnierverlauf und professionell. Sehr sympathisch im herzlichen Dialog mit uns, im
Spiel jedoch hoch motiviert und immer auf Sieg fokussiert. So muss es sein. In ihrem Team noch
sehr gute Spieler- und Innen. Unter anderem die Nummer Eins, Artur Rietz. Ein sehr starker Junge
bei U13.
Ilja, als unsere Nummer Eins, muss gegen ihn ran. Und ist wie ausgewechselt. Kein Hadern, Kein
Zögern. Gute Aufschläge, harte Topspins, tolle Beinarbeit. Er gewinnt die ersten beiden Sätze wie
im Flug 11:7 und 11:7. Sein Gegner ist gewarnt. Artur legt mit seinen Qualitäten los und dominiert
die nächsten beiden Sätze 11:4 und 11:5. Es geht in fünften Satz. Das Spiel ist auf hohem Niveau.
Beide spielen ein exzellentes Tischtennis mit sehr schnellen Ballwechseln. Unbeeindruckt vom
Druck des knappen Spiels blüht Ilja auf. Alles kommt. Topspins, Aufschläge und vor allem
Rückschläge. Und am Ende heißt es 11:5 und 3:2-Sieg für Ilja. Gegen einen der besten im Turnier.
Was für ein Auftakt.
Parallel ist Deniz am Werkeln. Im ersten Satz schlagen die harten Schläge seines Gegners links und
rechts bei ihm ein. Mit -6 geht der Satz schnell weg. Er muss sich was einfallen lassen. Vor allem
mit seinen Auf- und Rückschlägen. Und hier zeigt sich seine Spielintelligenz. Jetzt agiert er mit
guten und variablen Aufschlägen. Und dann schnell hinterher. Den Ball früh nehmen und dem
Gegner keine Zeit lassen. Bei den Rückschlägen im letzten Moment täuschen und etwas
Unerwartetes machen. Er macht es super und gewinnt die nächsten Sätze mit 11:7, 11:8 und 12:10
und das Spiel mit 3:1. Wow. Ein 2:0 Start gegen eine personell so gut aufgestellte Mannschaft
Yannick und Phillip haben ihre Gegner klar im Griff und sorgen schnell für die 4:0 Führung unseres
Teams. Den Rest werden wir schon mit unseren Mädels hinbekommen.
Aber da war ja noch Anastasia. Die Professionelle aus dem Sportinternat in Thüringen. Gegen
unsere Sofiia. Und Sofiia zeigt echten Widerstand. Immer wieder schafft sie es, mit ihren langen
Noppen Anastasia zu stören. Nur ganz knapp mit 15:17 verliert sie den ersten Satz. Statt zu
verzweifeln steigert sie sich immer mehr ins Spiel und rennt jetzt um jeden Ball. Jeder Punktgewinn
ist begleitet vom demonstrativ lauten Kampfschrei. Ein 11:7 ist die Belohnung. Das Spiel ist jetzt
eine Begegnung unter gleichstarken Athletinnen. Es geht hin und her. Wirklich super Technik und
harte Schläge von Anastasia. Immer wieder Störer, Drücker und beherzte Gegenschüsse von Sofiia.
Welch ein mentaler und physischer Kampf der Beiden. Keine kann sich entscheidend absetzen. Am
Ende ist es fast schon Glück, wer die Nase vorn hat. Davon hat Anastasia ein Quäntchen mehr und
gewinnt hauchdünn 12:10 und 11:7 und die Begegnung mit 3:1. Sofiia war zwar unterlegen aber
hat eines gezeigt. Unbändigen Siegeswillen. Ihr Funke springt auf die anderen über.
Doch leider gehen die nächsten Spiele alle weg an die Thüringer. Die Gegner von Sarah-Sophia und
Anna sind zu ausgefuchst. Auch das erste Doppel mit Ilja und Deniz funktioniert nur teilweise. Aber
eben nicht ganz. Und jetzt ist es echt knapp.
4:4 Zwischenstand. Sollten wir trotz des super Starts und des beherzten Kampfes leer ausgehen
und das Spiel verlieren? Nein. Unsere U11 Jungs haben auch im Doppel ihre Gegner klar im Griff.
5:4 Führung und ein Unentschieden sicher in der Tasche geht es ins letzte Doppel. Sofiia und Anna
im Doppel gegen Anastasia und ihre Partnerin. Im Einzel noch unterlegen wollen unsere Mädel
wenigstens im Abschlussdoppel was reissen. Ein klares 3:11 im ersten Satz verspricht nichts Gutes.
Aber im Doppel wird die Reihenfolge gewechselt und da kippt das Spiel. Unsere Beiden kommen
immer besser ins Spiel und sind jetzt ein echtes Doppel. Miteinander und füreinander spielend
gewinnen sie 11:6, 12:10 und 11:8 das Spiel und die gesamte Begegnung mit 6:4.
Ein extrem süßer, weil verdienter Sieg gegen eine starke Mannschaft. Jeder hatte Anteil an diesem
Sieg. Egal ob im Doppel oder Einzel. Was für eine Team-Leistung. Chapeau, Kinder!
Die große Städtebegegnung Berlin vs. Hamburg I
Die Hamburger Mannschaft ist mit dem norddeutschen Meister Ole Nagel stark besetzt. Auch die
Anderen sind nicht ohne. Der Zweier, gegen den Deniz antreten muß, ist körperlich gefühlt 3 Jahre
weiter. Das sieht aus wie David gegen Goliath. Und Goliath (Milo Born) ist besser, aber Deniz
verkauft sich extrem gut und verliert nur knapp in den Sätzen. Ilja spielt auch sehr gut gegen Ole.
Aber der ist einfach zu ausgebufft. Trickreich und souverän kann er unseren stark aufspielenden Ilja
beherrschen. Und selbst Yannick, der in der Altersklasse U11 definitiv zu den besten gehört,
verliert in 3 Sätzen. Mit 0:3 gestartet müssen wir anerkennen, dass die Hamburger spielerisch eine
Klasse besser sind. Hier und da gelingen uns gute Siege. Am Ende gratulieren wir den Hamburgern
zu ihrem 7:3-Sieg.
Die letzte Begegnung
Unsere Kinder sind im Turnier längst angekommen. Wir haben uns den Respekt der Gegner
verdient und zeigen Respekt vor den Leistungen der Gegner. Im letzten Spiel geht es gegen
Schleswig-Holstein Bezirk 4. Beide Teams sind gut besetzt. Iljas Gegner erweist sich als enorm
stark. Dafür ist Deniz seinem Gegner mental und spielerisch überlegen. Nach dem 1 zu 1 der U13
Jungs sind unsere starken U11 Jungs dran und fegen die Gegner vom Tisch. Yannick ist einfach
sicherer und schneller als sein Gegner. Phillip ist der gewohnte Kämpfer und holt jeden Satz
konzentriert kämpferisch rüber.
Beim Stand von 3:1 übernehmen wieder unsere Mädels. Diesmal sind es Sarah Sophia und Anna,
die – inspiriert von Sofiia – mit Kampfgeist und Geschick ihre Gegner in Schach halten können.
Zwar recht knapp im Fünften für Sarah Sophia und äußerst knapp mit 16:14 im vierten Satz für
Anna, aber Punkt ist Punkt. Wir führen vor den Doppeln bereits mit 5:2 Punkten und haben
zumindest ein Unentschieden sicher.
Mit dieser Sicherheit machen wir dann alles klar in den Doppeln. Deniz und Ilja gewinnen 13:11 im
fünften Satz, dafür verlieren Sofiia und Sarah Sophia im Fünften 11:9. Der Sieg von Yannick und
Phillip im Doppel besiegelt dann unseren 7:3 Sieg.
Wir belegen in der Endabrechnung einen hervorragenden 4. Platz in einem tollen Turnier. Mit
vielen sportlichen Begegnungen und wertvollen Erfahrungen. Antworten auf unsere anfänglichen
Fragen? Haben wir.
Wir sind nicht die Besten im Norden. Aber auch nicht die Schlechtesten. Wir haben Zug nach oben.
Wir haben echtes Potential in der Hauptstadt. Wenn das unsere „zweite Wahl“ war (ja, es gibt in
Berlin einige stärkere Spieler), dann haben wir berechtigte Hoffnung in unsere sportliche
Entwicklung. Aber wie so oft, hängt es an der Förderung des Talents. Am Entflammen des
Ehrgeizes. Einer täglich guten Trainingsstruktur. Einer umfassenden Spiel- und Wettkampfkultur.
Der Unterstützung durch den Verband. Die Eltern und die Vereine tun bereits viel. Es könnte mehr
getan werden.
Apropos Eltern. Die besten Fans der Welt. Einfach nur klasse, wie sie die Kids unterstützen. Einige
Eltern haben die Mühen nicht gescheut und sind angereist. Die anderen Online in WhatsApp.
Verfolgt, was wir ihnen zwischen den Gefechten noch rüberbeamen konnten. In der Halle jedes
Spiel mitgefiebert, geklatscht und gehofft. In Berlin angekommen gegen 21 Uhr am Sonntag waren
sie pünktlich zur Abholung und haben die Gladiatoren in die Arme geschlossen. Da gab es zu Hause
bestimmt die ein oder andere Geschichte zu erzählen.
Der Mann mit der „weißen Weste“
Wir hatten ihn in unseren Reihen. Den Top-Spieler des Turniers, der alle Einzelbegegnungen
gewonnen hat. Der Punktegarant, auf den wir zählen konnten. An dem sich alle seine Gegner die
Zähne ausgebissen haben. Philipp Kuczynski. Der Unbesiegbare. Einfach alle platt gemacht. Egal ob
souverän in drei Sätzen oder knapp im Fünften. Unter Einsatz seiner kleinen Freude, den langen
Noppen. Gestört, irritiert, umgelaufen. Immer effektiv. Und immer mit größtem Einsatz. Technische
Mängel? Schwachpunkte? Wen juckt’s! Gekämpft, geschrien, an seinen Sieg geglaubt. Jeden Punkt.
Nie verzweifelt. Einfach nur vorbildlich. Und glaubt mir, er hat alle anderen inspiriert. Nicht nur
unsere Jungs und Mädels. Auch die Gegner konnten sich eine Scheibe von ihm abschneiden.
Wir sind bereit für die nächsten Herausforderungen. Quickborn war erst der Anfang!
Bericht von A.Ciftci
